Wirtschaftsgeschichte
Bulgarien gehört zu
den Ländern, die als Agrarstaat in den RGW („COMECON“)
eingetreten sind und ihre Industrialisierung diesem im
Wesentlichen zu verdanken haben. Das bedeutete die
Steigerung der energie- und rohstoffintensiven
Schwerindustrie, von denen einige Bereiche (Pharmazeutika,
Maschinenbau, Elektronik) durchaus erfolgreich in den
ehemaligen Märkten agierten. In ihrer Blütezeit beschäftigte
die bulgarische Elektronikindustrie bis zu 300 000 Menschen
bei einem Jahresumsatz von 13,3 Milliarden Dollar. Die
Computermarken Pravetz, Izot, IMKO und ES EVM produzierten
zeitweise bis zu 40% aller Computer des RGW, wobei es sich
meistens um qualitativ unterlegene Nachbauten von Modellen
der US-Marken Apple und IBM handelte.
Nach dem Wegfall des Marktes der Sowjetunion, zu dem die
meisten Beziehungen bestanden, geriet die Wirtschaft in eine
schwere Krise, aus der sie sich erst seit 2004 erholt hat.
Die einstmals gut entwickelte Industrie für Computerhardware
verschwand vollständig. In den Jahren 1989 bis 1995 gingen
die Realeinkommen um fast 70 Prozent zurück, der
Lebensstandard fiel um 40 %. Das Sozialsystem, insbesondere
das System der Kranken- und Rentenversicherungen, brach
weitgehend zusammen.
Die sozialistische Regierung unter Schan Widenow schaffte
hier keine Abhilfe, sondern bediente die Interessen der
ehemaligen Nomenklatura. Im Frühjahr 1996 kam es infolge der
hohen Staatsverschuldung zu einer schweren Wirtschaftskrise.
Banken brachen praktisch über Nacht zusammen; der Staat
geriet in Zahlungsschwierigkeiten gegenüber seinen
ausländischen Kreditgebern. In der Hoffnung auf
Unterstützung von Weltbank und IWF verabschiedete die
sozialistische Regierung ein Strukturprogramm. 134 marode
Staatsbetriebe sollten geschlossen werden, durch
Steuervergünstigungen versuchte man - vor allem ausländische
- Investoren anzulocken. Doch die Privatisierung ging dem
IWF zu langsam und er forderte als Bedingung für weitere
Kredite die Einführung eines Währungsrates sowie die Bindung
des bulgarischen Lew an die D-Mark im Verhältnis 1:1.
Kennziffern
Die Schaffung des
Währungsrates 1997, die Konsolidierung der Staatsfinanzen
(Budgetüberschuss 2005: 504 Millionen EUR, entspr. 2,4 % des
BIP), einschließlich der Reduzierung der
Auslandsverschuldung (Staatsverschuldung im Dezember 2005
nur noch 25,5 % des BIP), weitreichende strukturelle
Reformen und die Privatisierung nahezu aller staatlichen
Unternehmen in enger Zusammenarbeit mit Internationalem
Währungsfonds (IWF) und Weltbank trugen zu makroökonomischer
Stabilität bei. Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf ist
seitdem stetig gewachsen. Es beträgt derzeit 3753 € Pro Kopf
(28,9 MRD € absolut)[13] im Vergleich zu 2779 € Pro Kopf im
Jahre 2005. Jedoch mussten die Statistiker nach mäßigen
Inflationsraten der Jahre 2001 bis 2005 (2005: 6,5 %) im
Jahre 2007 eine etwa 13 %ige allgemeine Preissteigerung
beobachten. Die relativ hohen BIP-Wachstumsraten (2001 4,1
%, 2002 4,9 %, 2003 4,5 % ,2004 5,7 %, 2005 5,8 %,
1.Halbjahr 2006 6,1 %, 2007 6,2 %) wurden somit durch die
Inflation etwas abgedämpft. Die Arbeitslosigkeit konnte
erheblich gesenkt werden und lag Ende des Jahres 2005 bei
ca. 10,7 %. Begünstigt wird diese Entwicklung durch hohe
Vorbeitrittshilfen der Europäischen Union. So standen 2004
insgesamt rund 400 Millionen € in den Programmen PHARE, ISPA
und SAPARD zur Verfügung.
Im Vergleich mit dem BIP der EU ausgedrückt in
Kaufkraftstandards erreicht Bulgarien einen Index von 33
(EU-25:100) (2005, zum Vergleich: Deutschland: 108) [14]. Da
die Regierung einen Großteil der in den Haushaltsjahren 2004
und 2005 entstandenen Überschüsse für Ausgleichsmaßnahmen
verwendete, um die sozialen Folgen der zur Kostendeckung
notwendigen Anpassung der Preise für Elektrizität, Wasser
und Fernheizung aufzufangen und gleichzeitig die
Transfereinkommen zusätzlich und überproportional erhöhte,
sind die Realeinkommen auch der besonders Benachteiligten
(Arbeitslose, Behinderte und Rentner) erstmals seit langem
wieder gestiegen. Dennoch bleiben über 1 Million Menschen
vom Wirtschaftsaufschwung Bulgariens weitgehend abgekoppelt.
Trotz Fortschritten bei der Justizreform stellt die Schwäche
des bulgarischen Justizsystems weiter eines der größten
Hindernisse für die wirtschaftliche Entwicklung dar.
Wichtigste Wirtschaftszweige: Chemische Industrie,
Nahrungsmittel und Nahrungsmittelverarbeitung,
Tabakindustrie, Metallindustrie, Maschinenbau,
Textilindustrie, Glas- und Porzellanindustrie,
Kohleförderung, Stahlproduktion, Energiewirtschaft,
Tourismus.
Die wichtigsten Aus- und Einfuhrgüter Bulgariens:
Ausfuhr: Chemische Produkte, Nahrungs- und Genussmittel,
Rohmetall- und Stahlprodukte, Maschinen und Ausrüstungen,
Konsumartikel, Textilprodukte, Elektrizität.
Einfuhr: Rohstoffe, mineralische Produkte und Brennstoffe
(insbesondere Öl und Gas aus Russland), Maschinen und
Ausrüstungen, chemische Erzeugnisse, Konsumgüter.
Wirtschaftsbeziehungen
Deutschland ist seit
Jahren knapp vor Russland der wichtigste Handelspartner für
Bulgarien. 2007 erreichte der bilaterale, mehr und mehr
ausgeglichene Handel fast 3,8 Mrd. Euro und in den ersten
vier Monaten des Jahres 2008 1,3 Mrd. Euro. Bei den
Direktinvestitionen in Bulgarien im Jahr 2007 stand
Deutschland mit 1,250 Mrd. Euro an fünfter Stelle mit
steigender Tendenz. Im Jahr 2007 kamen über 560.000 deutsche
Touristen nach Bulgarien. Auf bulgarischer Seite besteht
Interesse vor allem an der Zusammenarbeit bei Energie und
Infrastruktur.
Die Deutsch-Bulgarische Industrie- und Handelskammer in
Sofia ist mit 420 Mitgliedern der wichtigste Partner der
Wirtschaft und der Botschaft zur Förderung der
Wirtschaftsbeziehungen.
Deutschland unterstützte bis zum EU-Beitritt den
Transformationsprozess in Bulgarien im Rahmen der
bilateralen Wirtschaftlichen Zusammenarbeit. Schwerpunkte
waren Förderung des bulgarischen Mittelstands und der
Landwirtschaft sowie die Unterstützung der öffentlichen
Verwaltung. In 15 Jahren wurden Bulgarien dafür insgesamt
knapp 200 Mio. Euro zur Verfügung gestellt. Die noch
laufenden Projekte sollen bis Ende 2010 abgeschlossen
werden.
Umwelt
Nach 1950 wurden die Industrialisierung und die
Intensivierung der Landwirtschaft im Rahmen der
Planwirtschaft betrieben, oft zu Lasten der Umwelt. Die
Förderung vor allem der Schwerindustrie, des Energiesektors
und des Bergbaus sowie der Einsatz veralteter Technologien
verursachte zum Teil erhebliche Luft-, Boden-, und
Wasserverschmutzungen.
Mit der Schließung vieler industrieller Produktionsstätten
nach der Wende haben sich die Umweltbelastungen stetig
verringert. Obwohl Bulgarien seit Mitte der 90er Jahre im
Umweltbereich deutliche Fortschritte erzielt hat, sind nach
Schätzungen der Weltbank für die Umsetzung des EU-Acquis im
Umweltbereich bis zum Jahr 2020 Investitionen von rund 9
Milliarden € erforderlich. Jährlich müssten demnach
Investitionen in Höhe von rund 11 % des BIP getätigt werden.
Der Umweltschutz wurde durch die Gründung des
Umweltministeriums 1990 erstmals institutionalisiert und als
Staatsziel in der bulgarischen Verfassung von 1991 (Art. 15)
verankert. Im Umweltschutzgesetz vom September 2002 hat die
bulgarische Regierung erstmals das Prinzip der
Nachhaltigkeit gesetzlich festgeschrieben.
Staatsausgaben
Zwischen 1992 und 2000 lag der Anteil der Staatsausgaben für
* das Gesundheitswesen bei 6 %
* das Bildungswesen bei 5 %
* das Militär bei 3 %
Infrastruktur
Bulgarien ist ein wichtiges Transitland zwischen
Mitteleuropa und dem Nahen Osten. Es verfügt über ein
relativ gut ausgebautes Verkehrsnetz: Eisenbahnnetz
(Bulgarische Staatseisenbahn - BDZ), Straßennetz (jedoch
bislang nur wenige Autobahnen), vier internationale
Flughäfen (Sofia, Warna, Burgas und Plowdiw), zwei Seehäfen
(Burgas, Warna) sowie Binnenhäfen (an der Donau). Die
paneuropäischen Verkehrskorridore IV (Dresden-Budapest-Craiova-Sofia-Thessaloniki),
VII (Donau), VIII (Tirana-Skopje-Sofia-Varna-Burgas) und IX
(Helsinki-Moskau-Bukarest-Dimitrovgrad-Alexandropolis)
führen durch Bulgarien.